Tägliche Tortur Toni-Areal

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So, jetzt sind wir also hier, im Toni-Areal. Mein Arbeitgeber ist im Lauf des Sommers hierher gezügelt, auf mehr als 30 Gebäude quer durch die Stadt war er verteilt gewesen, und jetzt hocken (fast) alle hier in einem Haus.

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Man sollte sich freuen, über Verdichtung, kürzere Wege, die Platzierung im zukünftig-vielleicht-Hipstergebiet Zürich-West. Aber stattdessen habe ich Kopfschmerzen, geschwollene Finger und Schweissausbrüche, kann mich nicht mehr konzentrieren und wünsche mir einen anderen Arbeitsplatz.

Ob es an Sick Building Syndrome liegt, da sollen sich die Experten streiten. Aber ich gebe hier mal einen Einblick in meinen neuen Alltag, vielleicht wird es nachvollziehbar.

Der Morgen. Schön! Ich bin jetzt noch müde. Seit dem Umzug reichen mir keine sieben Stunden Schlaf mehr, acht bis zehn müssen es sein, und selbst dann erreicht mein Enthusiasmus höchstens noch Zombie-Niveau. Ich schlurfe in die Küche und nehme mir ein Hirn einen Kaffee.

Danach Mails checken. Zuhause, natürlich, denn ich weiss, was nun kommen würde und wie sich das Gebäude anfühlen wird, und mein ganzes Ich sträubt sich. So lange wie möglich zuhause bleiben, so wenig wie möglich im Büro sein, das ist der (sogar legitimierte) Ausweg. Aber er ist nicht wirklich einer; dazu später mehr.

Mein neuer Arbeitsweg bedeutet, ich kann nicht mehr jede beliebige S-Bahn nehmen. Nur noch zwei fahren bis Hardbrücke, dem idealen Umsteigeort fürs Tram 4 Richtung Toni. Der Arbeitsweg hat sich verlängert, von ca. 30 Minuten Tür zu Tür auf 40 – 60, je nach Verbindung. Eine Stunde weniger Freizeit pro Tag, ein kleines Opfer für so einen tollen Arbeitsort.

Dort angekommen grüsst mich ein trister Gang irgendwo an der Seite des Gebäudes:

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Ich nehme absichtlich diesen Eingang, denn die Alternative wäre das hier:

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Die Haupthalle, wo immer mindestens 95 dB Palaver den Raum füllen. Die Akustik funktioniert so, dass ein Flüstern aus der hintersten Ecke auch direkt am Haupteingang noch verständlich ist. Nur, dass nie so viel Ruhe herrscht, dass man hier flüstern könnte.

Mittags steigt der Lärmpegel noch, weil Menschen auf dem Fressbalken hocken und sich anschreien müssen:

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Also zurück in meinen bevorzugten, leeren Gang, wo es hochgeht ins Treppenhaus mit seiner abgestandenen Luft:

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Das schönste am Bild? Die vielen Schilder Richtung Notausgang. Man will sicherstellen, dass hier immer klar ist, wo es rausgeht aus der Misere.

Ich darf aber noch nicht raus. Ich muss rein, hier, ins Büro:

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Es hat hier, an einem Freitag, bedeutend weniger Grinder wie sonst unter der Woche. Wir haben einige Teilzeitler. Trotzdem: Ursprünglich für 20 Personen geplant, hocken hier jetzt bald 40, auf der gleichen Fläche.

Einige hat es noch schlimmer erwischt, die teilen sich 14 Quadratmeter unter 8 Personen mit Tischen, die gerade so breit sind wie mein Arm lang, und ohne Trennwände:

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Bei mir sieht es besser aus, immerhin ungefähr 1.6 m² für eine Person:

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Gefühlte 34 Grad im Büro, draussen riecht es nach Winter. Fenster öffnen, das würde sogar gehen, die Architekten haben uns nicht in ein Minergie-Aquarium gesperrt. Aber niemand will diese Fenster öffnen. Was von draussen kommt, stört: Diesel-Abgase, Baumaschinenlärm, die S-Bahn, der Güterzug, Gestank nach frischem Teer, Zigi-Rauch. So sitzt man in der schon fünfmal geatmeten Büroluft, die leicht nach Staub, Füssen und Moltonwand riecht, und widmet sich müde seiner Arbeit.

Widmen kann man sich ja, das heisst noch lange nicht, dass man es schafft, sie zu erledigen. Das Toni hat gemacht, dass man mit wenig zufrieden ist. Kann man sich mal länger als eine halbe Stunde am Stück konzentrieren, es ist ein Triumph. Mit meinen geschwollenen, schweissigen Wurstfingern krieche ich über die Tastatur, muss die meisten Sätze zwei-, dreimal lesen.

Dabei keine Kritik an den Kolleg/innen: Seit wir hier alle auf einen Haufen gedrängt sind, reissen sich die Leute dermassen zusammen, leise zu sein. Unnatürlich fast schon; nach drei oder vier Stunden hat man das Gefühl, irgendwo hingehen zu müssen, um zu schreien. In dieser Branche telefoniert nunmal die Hälfte der Leute, und das macht Geräusche, da kann niemand was dafür.

Programmieren in Callcenter-Atmosphäre, das geht nicht. Also bleibt man zuhause. Und das ist nicht besser. In der Software-Entwicklung geht es hauptsächlich um gute und schnelle Kommunikation, auch wenn das Aussenstehende vielleicht nicht raffen. Entsprechend schlecht ist es, wenn man sich nur noch per Videokonferenz sieht, denn je dünner der Kommunikationskanal, um so höher der Verlust, um so tiefer die Qualität, um so entmenschlichter der Prozess, umso unerfüllender die Arbeit.

Und ausserdem: Ich wage, zu behaupten, die meisten von uns arbeiten nicht gern alleine. Kommt dazu, dass einige das auch gar nicht zuverlässig können. Daheim wartet die Ablenkung, manche widerstehen, manche nicht.

À propos Ablenkung: Ein Versuch, sich von der Atmosphäre zu entkoppeln, sind unsere geschlossenen Kopfhörer. Viele von uns haben jetzt solche auf dem Grind, aber nach 5 Stunden sind die unbequem. Und was, wenn ich gar nicht Musik hören will, sondern absolute Ruhe brauche? Ich muss trotzdem Musik hören, denn Güterzug und so.

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Da fährt er, der SBB-Cargozug, schüttelt unsere Schreibtische und Trommelfelle. Fahr, mein Zug, bring Dinge CO²-neutral woandershin. Dort wäre ich auch gerne. Aber ich kann ja meinen Arm ausstrecken und den Zug streicheln, das ist fast so gut.

Die Storen-Anlage habe ich noch gar nicht erwähnt. Normalerweise ist das so: Sobald es absolut keinen Grund dafür gibt, die Storen runterzufahren, macht sie das. Gewitterwolken? Storen runter. Nachteinbruch? Storen zu. Gleissende Sonne mitten auf den Bildschirm? Die Storen gehen rauf. Ich weiss nicht, was die Motivation dafür ist. Gibt es Bedenken, ob vielleicht doch noch Restproduktivität vorhanden ist, und will man die so vernichten?

Spätestens jetzt kann ich gar nichts mehr lesen. “Nimm doch den Laptop, geh doch woanders hin im Gebäude!” Als relativ grosser Mann muss ich sagen: Das ist scheisse, auf dem Laptop zu arbeiten. Ergonomie ist gar nicht möglich, man muss sich in den Bildschirm ducken wie ein Orangutan. Kommt dazu: WLAN. Das WLAN geht zwar mittlerweile fast überall im Gebäude, aber WLAN ist an sich schon nicht so zuverlässig. Hat man ein Dutzend SSH-Sessions auf, da will man nicht rumlaufen oder Access Points wechseln müssen, sonst geht gleich nochmal Produktivität zur Sau, Sessions müssen neu aufgebaut, Mounts neu gemountet werden, und so weiter.

Und leiser als im lauten Büro ist es, ausser vielleicht in der Bibliothek, im Restgebäude auch nicht. Da kann ich gleich zuhause bleiben.

Das klingt jetzt alles nörglig und doof und natürlich sprechen wir von First World Problems. Aber Fakt ist: Ich war einmal einmal produktiv, nicht permanent müde, nicht halb blind mit meinen staubigen Augäpfeln, nicht semidepressiv am Sonntagabend, weil ich am Montag wieder raus muss. Es gab mal Zeiten, da habe ich mich aufs Büro gefreut. Davon ist gar nichts mehr übrig, und die einzige Änderung war das Toni-Areal.

Ich bin auch kein reiner Neinsager:  Niemand von meinen Kolleg/innen wird sich erinnern können, ich hätte im Vorfeld der Toni-Zügelei herumnegativisiert. Ich habe mich der Sache neutral gestellt. Jetzt ist es schlimmer geworden, als ich hätte befürchten können.

Mal sehen, was daraus wird.

4 thoughts on “Tägliche Tortur Toni-Areal”

    1. Weil mosh leider kein Scrollback unterstützt, und ich möchte nicht auf jedem Server einen tmux oder screen laufen haben. Aber prinzipiell finde ich mosh schon cool, wenn Scrollback mal kommt, ist das auf jeden Fall einen Blick wert.

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