Mit dem Elektroauto an die Nordsee

Unser erster grosser Ausflug mit dem Elektroauto: Von der Schweiz bis an die Nordseeküste und zurück.

There is no English version of this article.

Wir fliegen beide sehr gerne, was die Umwelt nicht besonders freut. Deshalb macht es doch Sinn, sich ein riesengrosses Elektroauto anzuschaffen und lieber öfters zu fahren statt zu fliegen, oder? Da wir lange Autofahrten nicht gewohnt sind, dachte ich an eine eher kürzere Tour durch Deutschland. Das hier wäre unsere Route gewesen:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14624301861/player/

Alles haargenau geplant, mit Ladestationen aus LEMnet und ChargeMap und Abstecher in viele wichtige deutsche Städte. Tatsächlich gefahren sind wir aber so:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14647756603/player/

Ich sehe da den Hauch einer Differenz. Gründe dafür gab es einige, aber fangen wir doch vorne an, auf dem Weg nach Strasbourg.

Das Wetter war mittelmässig, das in der Schweiz war aber noch viel mittelmässiger gewesen, deshalb herrschte Freude sur l’autoroute:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14647853013/in/set-72157645578806266/player/

Wir trafen in Strasbourg auf eine unerwartet moderne Stadt die sich, im Gegensatz zu touristisch orientierteren Städtchen wie Colmar, nicht rein auf seine äusseren Werte verlässt. Das entdeckten wir aber mehr aus Zufall: Die fehlenden Ladestationen im Zentrum zwangen uns in die Gegend Deux Rives, wo offensichtlich aus einem Fluss zwei gemacht werden. Dazwischen fahren nicht nur Autos sondern auch bald eine Tram auf der neuen Linie in Richtung Deutschland.

Dieses Quartier selbst lebte noch nicht sehr, aber die Mischung von Einkaufszentren, Wohnungen, öffentlichem Verkehr, Sportzentrum und Schulen gefiel uns. Es ist zwar alles noch mitten im Bau, fühlt sich aber schon lebendiger an als zum Beispiel die Gegend in Zürich-West rund ums Toni-Areal.

Geladen haben wir im Centre Rivétoile:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14605300116/in/set-72157645578806266/player/

Da gab es zwei Probleme: Die Steckdose rechts funktionierte überhaupt nicht, die linke schon. Das meldeten wir auch brav der Hausverwaltung. Dann starteten wir den Ladevorgang an der noch funktionierenden Dose mit 230V/16A, doch leider wurden daraus nur noch 8A, als die Hausverwaltung wohl zur Reparatur der rechten Dose am Abend die Sicherung rausnehmen musste.

Da ist also noch Optimierungsbedarf.

Ebenfalls in unserer Nähe wohnte diese Bisamratte:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14624715741/in/set-72157645578806266/player/

Wir hatten noch nie eine Bisamratte in der Wildnis (ähm, Stadt) gesehen und dachten erst, es sei ein Biber. Scheinbar sind Bisamratten aber eine Plage, besonders in Deichregionen (jetzt weniger in Strasbourg), und man kann sie essen. Schmeckt nach Kaninchen. Haben wir nicht ausprobiert.

Wegen der kümmerlichen 8A konnten wir am folgenden Tag nur ca. 250 km weit fahren, also suchten wir uns den nächsten Supercharger von Tesla: Bad Rappenau. Über die Brücke gings nach Kehl und von dort aus Richtung Frankfurt, wo permanent überraschte Gänse wohnen:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14627834042/in/set-72157645578717336/player/

Laden durften wir an einer Station der Mainova, sogar mit Typ 2-Steckdose:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14628308915/in/set-72157645578717336/player/

Man zahlt die Parkgebühr plus maximal (!) 10 Euro für die Ladung. Ist man schnell genug weg, kann die Ladung auch günstiger ausfallen. Wie man sieht, sind die Parkplätze längenmässig wohl weniger für Teslas und mehr für Mitsubishi i-MiEVs ausgelegt. Aber es ist nix passiert, alle Parkhausinsassen haben sich sicher an der Tesla-Schnauze vorbeibewegen können.

Frankfurts fleissig erweiterte Skyline:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14605319816/in/set-72157645578717336/player/

steht im Gegensatz zur hessischen Gemütlichkeit:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14605317656/in/set-72157645578717336/player/

Und das nicht weit voneinander entfernt. Frankfurt hat uns beeindruckt. Einerseits eine gewichtige Finanzmetropole, andererseits so wenig offensichtlicher Stress, so wenig aggressive Stimmung. Es fühlt sich gar nicht so schnellebig an wie Zürich, verwaltet aber wohl noch sehr viel mehr Geld.

Nächste Station war Hannover. Zum Laden haben wir das zweite Mal einen Supercharger angesteuert, bei Lutterberg:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14441673430/in/set-72157645627833264/player/

Da standen insgesamt vier Teslas (der zweite von links gehört uns), und alle Besitzer (bzw. Mieter) waren sehr zufrieden mir ihrem Gefährt. Man tauschte sich kurz aus, den gleichen Tiefgang wie das sehr politische Gespräch, das wir mit einem Tesla-Besitzer in Bad Rappenau geführt hatten, konnten wir aber nicht mehr erreichen. Dazu waren die Einstellungen der anwesenden Fahrer wohl zu verschieden.

Einen exzellenten Burger später ging es schon weiter bis Hannover, wo wir drei Tage bei Freunden verbrachten und die Stadt auskundschafteten. Zum Beispiel hier an der Leine:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14626228424/in/set-72157645627833264/player/

Hannover ist recht spannend: Total flach sitzt die Stadt in der Ebene und bietet einen bunt gemischten Salat aus grüner Gegend, Industrie und Wohngebiet. Eine richtig starke Identität konnte sich für mich nicht herauskristallisieren, aber das schiebe ich mir selbst in die Schuhe: Wir haben einfach nicht genug gesehen.

Die Weiterfahrt in den Norden brachte uns nach Hamburg. Die schönste Stadt, die ich in Deutschland kenne:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14441737349/in/set-72157645218704859/player/

Aufmerksame Leser entdecken die Diskrepanz zum ursprünglichen Plan: Es wäre eigentlich weitergegangen nach Berlin. Wir lieben beide aber Hamburg so, dass wir uns eine Weiterfahrt nach Berlin gar nicht vorstellen konnten. Unsere Köpfe waren voll von neuen Eindrücken aus Frankfurt und Frankreich, da tat Hamburg richtig gut. Ein paar Gassen kennen wir nun doch schon (es ist unser drittes Mal hier) und wir fahren wie Vollidioten mit dem gemieteten Fahrrad dutzende Kilometer pro Tag quer durchs Zeug.

Lustigerweise ist gerade Flohmarkt in Altona, daneben ein Mittelaltermarkt. Bogenschiessen, Nackensteak vom Schwein, Mittelalterband Varius Coloribus Experience rockten mitten am Tag die winzige Bühne – was will man mehr?

Uns zog es aber weiter. Auch abseits des Plans: Wir wünschten uns etwas Ruhe, nicht so viele Menschen. Vielleicht die Nordsee? Da hatte es zwar kaum noch Hotels frei, aber in Otterndorf gab es noch Zimmer. Wir versprachen uns ein paar kühle Planscher im Meer (immerhin war es die letzten Tage permanent 30 Grad, sonnig und schwül gewesen) und fuhren los.

Weit jenseits des Supercharger-Gebiets half uns EWE beim Auftanken, hier in Neu Wulmstorf:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14441688180/in/set-72157645218704859/player/

Danach ab Richtung Cuxhaven bis Otterndorf:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14441945267/in/set-72157645218704859/player/

Otterndorf war… pittoresk. Eine Altstadt wie in Bernstein gegossen, alles herausgeputzt und sehr traditionell. Der typische Gast wohl eher achtzig als achtzehn; das Dorf (tschuldigung, die Stadt) hat sicher seinen Daseinsgrund und es ist ja auch sehr herzig anzusehen. Aber es hatte auch etwas ausgehöhltes und zombiehaftes.

Das Hotel allerdings war vom Feinsten, mit den besten Fischgerichten, die ich je gegessen habe. Die Leute auch sehr nett, aber Otterndorf hinterliess den Nachgeschmack einer Retortenstadt, geschaffen für die Belustigung von Touristen.

Der Spaziergang am Nordseestrand war (abgesehen vom Regen und Sturm am ersten Tag) idyllisch. Entfernt man sich ein wenig vom Zentrum gibt es wunderschöne Natur und eine Feriensiedlung, die besonders für Kinder toll sein muss. Leider habe ich von diesem Tag keine Bilder, das Wetter war zu nass für Fotos.

Dafür hier in Cuxhaven, wo wir ganz nah an der Nordsee parkiert haben:

https://www.flickr.com/photos/psy-q/14625122921/in/set-72157645218704859/player/

Direkt beim EWE-Kundencenter an einer EWE-Zapfsäule, wo man als Elektrofahrzeug gratis parkieren und laden darf.

Das wars dann schon fast. Wir waren elektrisch von der Schweiz bis ans Meer gefahren, und nicht etwa ans Mittelmeer (keine Tricks!) sondern an die Nordsee. Dabei sind wir nur netten Menschen begegnet, und spätestens ab Höhe München gar keinen Schweizern mehr. Niemand von hier macht Ferien in Deutschland, dabei ist es dort wunderschön und von Servicewüste ist kein Sandkorn in Sicht.

Mit dieser Jungfernfahrt haben wir zwei Dinge bewiesen: Elektromobilität funktioniert, zumindest in Westeuropa und Skandinavien, und in Deutschland hat es lauter tolle Leute. Der Ruf, den Deutsche in der Schweiz oft haben, ist meiner Meinung nach reines Vorurteil.

Bilder vom Rückweg erspare ich euch: Es war eine spannende Hatz über die Autobahn von Supercharger zu Supercharger, von Niedersachsen über Hessen und Bayern nach Baden-Württemberg. Wir mussten nie länger als 20 Minuten auftanken und haben uns schliesslich in Singen an der Schweizer Grenze einen Kebap in der frisch hausgebackenen Brottasche gegönnt. Auch etwas, das ich in der Schweiz nie zu Gesicht bekommen habe. Wer macht sein Brot denn noch selber?

Probleme in der Elektromobilität gibt es für den Durchschnittskonsumenten sicher noch. Wir mussten vor und während der Reise recht detailliert recherchieren, wo und zu welchen Bedingungen es Strom gibt. Mittlerweile haben wir fast ein Dutzend Stromtankkarten und -schlüssel von verschiedensten Anbietern Deutschlands im Handschuhfach, die meisten davon kostenlos, aber vorher beschaffen muss man sie sich trotzdem. Doch es funktioniert. Wir haben mehr als 2000 km ohne CO2-Emissionen und praktisch ohne Fahrgeld zurückgelegt. Und knapp 200 km/h gefahren sind wir auch.

Entlang der Supercharger gibt es die Probleme nicht, die man bei den öffentlichen Anbietern befürchten muss. Butterweich und schnell funktioniert das System, der Strom ist sofort da und in einer Geschwindigkeit, über die man nur staunen kann. Keine der Ladesäulen war defekt gewesen.

Gleich neben dem Charger gibt es ausserdem Burger, Pizzas, Bier und Wasser, ein Hotelzimmer, WCs, einen Rastplatz und meist auch Wiesen und Wanderwege. Das ganze ist enorm gut durchdacht und bringt allen etwas: Immerhin haben wir für Dutzende Euro Essen und Getränke konsumiert, der Rastplatz profitiert also von seinem Charger.

Zumindest dort wo Elon Musk seine Finger drin hatte, dort fehlt nichts mehr. Die Elektromobilität ist angekommen. Ist das Supercharger-Netz einmal flächendeckend in Europa und Skandinavien aufgebaut, und das wird nächstes Jahr der Fall sein, sehe ich keinen Grund mehr für ein Benzinauto.


Danke an die verschiedenen Stromanbieter und Privatfirmen, die uns Saft gaben: Mainova (Frankfurt/Mainz), Enercity (Hannover), EWE (Ostfriesland, Niedersachsen), Rivétoile (Strasbourg).

Alle Fotos zusammen gibt es übrigens in diesem Album.

2 thoughts on “Mit dem Elektroauto an die Nordsee”

  1. Du hast jetzt echt einen Tesla Model S?
    Hammer. Ich bin fast ein bisschen neidisch.

    Die Bezahlung im ITZ muss doch ziemlich gut sein…

    Like

  2. Sooo teuer ist er nicht. Ein Audi S4 ist schon in der Grundaustattung teurer, hat weniger Leistung und ist eine Dreckschleuder. Die Ersparnis an Benzin und Service rechnet sich sofort. Ausser Scheibenwischern, Bremsbelägen und Pneus ist beim Model S nichts zu warten, es gibt kein Service-Obligatorium, die mitgelieferte Mobilitätsversicherung gilt auch, wenn man nie ein Service-Center von innen gesehen hat.

    Der Strom ist bei Tesla schon im Preis inbegriffen, darf man nicht vergessen — wir gaben früher pro Jahr über CHF 5’000 für Benzin und Service aus, jetzt sind es CHF 0. Wenn die Karre 10 Jahre hält, und 8 davon sind garantiert, haben wir den Preis eines Golf R (55’000) eingespart. Mein letzter Benziner hielt 14 Jahre, sollte also kein Problem werden, gegen CHF 70’000 zu sparen.

    Die Pneus rechne ich nicht mit, die wären ja auch beim Benziner nötig, sonst fährt das nicht so angenehm. Dann zahlt man in Zürich noch CHF 0.0 Motofahrzeugsteuer und die Vollkasko (!) für ein Model S kostet nur CHF 1200/Jahr (vgl. CHF 1800/Jahr für meinen alten Seat).

    Ich denke, auch andere Menschen an der ZHdK haben Autos in der Audi-Preisklasse, nur geben sie im Endeffekt dafür viel mehr Geld aus als ich 🙂

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s